Gesundheitsgefährdende Reinlichkeit

Wir werden klinisch rein geboren. Nach dem ersten Kontakt mit der Umwelt nehmen wir alle Keime auf, die sich in unserem unmittelbaren Lebensbereich befinden. Der Körper lernt damit umzugehen. Wir leben in Symbiose mit unserer Umwelt.

In Jahrtausenden haben wir uns an sich ständig veränderte Umweltbedingungen angepasst. Der Darm ist ein dynamisches Ökosystem, das sich im ersten Lebensjahr aufbaut: die sogenannte Darmflora oder die Darmmikroorganismengemeinschaft. Eine intakte Darmflora ist wichtiger Bestandteil unseres Immunsystems und wird für die Aufschlüsselung unserer Nahrung benötigt. Auf der Haut siedeln sich Bakterien an, die einen Schutzwall gegen schädliche Umwelteinflüsse aufbauen. Um diese Funktionen erfüllen zu können, braucht der Körper den ständigen Kontakt zur Umwelt.

Der Trend geht aber in eine andere Richtung. Es ist eine Art Reinlichkeitswahn ausgebrochen. Menschen entfernen sich aus „hygienischen“ Gründen das gesamte Körperhaar und duschen den so vorbereiteten Körper dann auch noch täglich ausgiebig mit allerlei Seifen und Shampoos. Damit wird die Schutzfunktion des Körpers erheblich eingeschränkt, die natürliche Barriere zerstört. Unreine Haut und Akne können die Folge sein. Krankmachende Erreger haben es leichter, sich auf der Haut anzusiedeln und in den Körper einzudringen. Bakterien sind unsere natürlichen Helfer, diese zu entfernen, ist falsch verstandene Reinlichkeit. Tägliches Shampoonieren der Haare trocknet außerdem die Kopfhaut aus, die Talgdrüsen werden dadurch zur Produktion angeregt und die Haare werden erheblich schneller fettig.

Ein weiterer Punkt ist der Weg, unsere Wohnungen hermetisch von der Umwelt abzutrennen. Für die Energiebilanz mag das gut sein, für das Raumklima nicht. Vermehrt kommt es zu Schimmel in den Wohnungen, die Hausstaubmilbenkonzentration wird zigfach gesteigert. Man kann das umgehen, wenn z.B. jede Stunde für fünf Minuten stoßgelüftet wird. Das heißt: Fenster öffnen, Heizung runterregeln. Ich kenne niemanden, der das tun würde.

Dazu kommt der häufige Einsatz von Chemiekeulen in der Wohnung, schließlich gilt es auch hier, alle Keime sind zu eliminieren. Da das aber nur unvollständig funktioniert, züchtet man so resistente Bakterienarten.

Je mehr wir uns von der Natur entfernen, desto mehr werden Allergien und Krankheiten zunehmen. Ein Anstieg der Allergien ist schon jetzt deutlich zu beobachten, gegen Pollen zum Beispiel. Während vor 30 Jahren kaum jemand die Neurodermitis kannte, hat heute jeder mehrere Betroffene in seinem Bekanntenkreis. Der Mensch reagiert zunehmend allergisch auf seine Umwelt. Der Körper hat noch nicht gelernt, mit der neuen Bedrohungslage umzugehen. Das kann er so schnell auch nicht lernen, er braucht mehrere Generationen um sich anzupassen. Dazu kommen dann auch noch weitere Belastungen durch den massenhaften Einsatz von Chemie in der Umwelt und bei der Herstellung von z.B. Nahrungs- und Körperpflegemitteln. Wobei man von Pflege in solch einem Fall eigentlich nicht sprechen kann.

Ein letzter Punkt: Gerüche sind evolutionsbedingt wichtig bei der Partnerwahl. Wir wählen den Partner aus, den wir „gut riechen“ können. Und man geht ja noch weiter, nicht nur der natürliche Geruch wird runtergeschrubbt, es werden anschließend auch noch alle möglichen Duftstoffe auf den Körper gesprüht. Synthetisch hergestellte Duftstoffe, die unsere Partnerwahl nachhaltig beeinflussen können. Außerdem: Riechstoffe von großer Bedeutung sind z. B. Linalool, Linalylacetat, Citral, Citronellol, Damascon, Himbeerketon, Farnesol, Hexylacetat, Alpha-Jonon, Beta-Jonon, Calone. Zum Teil sind es Stoffe, die auch in (natürlichen) ätherischen Ölen enthalten sind und die zugleich als Allergene deklariert werden müssen.

Wolfgang Claussen

 

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