Ida Dehmel, ein Leben für die Kunst

Reflexion über die Rolle der Frau

Eine Verneigung vor einer Frau, der es gelang, Dichter zu inspirieren und Dinge in Gang zu setzen, das ist der Autorin Therese Chromik mit ihrer etwa hundert Seiten umfassenden kleinen Biografie der Ida Dehmel, geb. Coblenz, gelungen.

Was wären wir ohne sie, die Frauen aus der Generation unserer Großmütter bzw. Urgroßmütter, die um die vorletzte Jahrhundertwende und in den ersten dreißig Jahren des 20. Jahrhunderts gegen den Strom schwammen? Sei es das aktive Eintreten für das Frauenwahlrecht, die Mitarbeit in den ersten Gewerkschaften, der Kampf um die Zulassung zum Hochschulstudium oder allgemein die Loslösung von den drei Ks der festgelegten Frauenrolle. Leicht hatten sie es nicht, die sogenannten Flintenweiber, Blaustrümpfe oder liderlichen Luder, falls es ihnen einfiel, selbst über Körper, Kinder und künstlerische Entfaltung - drei Ks der anderen Art - bestimmen zu wagen.

Weg vom Heiratsmarkt, bzw. nur schwer vermittelbar. Selbst Männer der Kunst waren da nicht immer verständnisvolle Partner, man denke an Rodin und Claude, hingegen soll Otto Modersohn  seine Paula immer mit aller Kraft unterstützt haben. Andere konnten ein Lied von den Affären ihrer Bohemien-Gatten singen, so Frida Kahlo oder Picassos Frauen. Da hieß es: „Augen zu und durch!" oder sich am Rande des Existenzminimums durchschlagen. „Teure Freiheit", das lernte auch unsere Husumer Bohèmienne Fanny zu Reventlow, als sie sich in den Künstlerkolonien von Schwabing und in der italienischen Schweiz über Wasser halten musste.

Ida Coblenz war auch so eine, eine "gefährliche, lesende Frau".

Anschaulich entwickelt Therese Chromik in ihrem kleinen, aber feinen Band "Ida Dehmel, ein Leben für die Kunst" die Geschichte des großbürgerlichen Mädchens, das eine sehr bedeutende Rolle für die Entwicklung der Dichtung im Deutschland der ersten zwei Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts haben sollte. Und nicht nur das. Aus einem wohlbehüteten und aufgeklärten jüdischen Elternhaus kommend, wurde ihr eine exzellente Bildung zuteil. Ihr Vater stammte aus Paris. Ihre Mutter verliert sie schon früh. Viel Autobiografisches konnte Therese Chromik immer wieder aus Ida Dehmels unveröffentlichtem Roman "Daija" entnehmen und in Bezug zu ihrer Entwicklung in den unterschiedlichen Lebensphasen setzen. Das macht die kleine Biografie so authentisch und lebendig, man glaubt Ida Dehmel stellenweise selbst zu hören. Natürlich darf man diese Spiegelung ihres Lebens nicht mit der Realität eines "geheimen" Tagbuches verwechseln. Das tut die Autorin keinesfalls, sondern verwendet zum Abgleich interessantes Material wie Idas Briefwechsel mit ihrem ersten Dichter- Verehrer Stefan George, mit ihrer Schwester Alice und mit dem Freund und Lyriker Alfred Mombert. Dazu diverse Biografien über Dehmel und seinen Freundeskreis, Zeitungsartikel und Ausstellungskataloge.

Der Leser erhält einen lebendigen Einblick in die Hamburger Kunstszene um die Jahrhundertwende und bis zum Ersten Weltkrieg.

Idas Affinität zur lyrischen Sprache macht sie nicht nur zur Muse eines Dichters. Nach George, den ihr Vater gesellschaftlich nicht akzeptiert, und dem sie sich auch nur geistig verbunden fühlt, heiratet sie auf Drängen des Vaters den Berliner Geschäftsmann Konsul Auerbach und entflieht so der Kontrolle ihres Vaters. Obwohl die 25-Jährige mit dem Reichtum ihres Gatten zum Mittelpunkt der Berliner Bohème wird, in deren Salon namenhafte Künstler sich mit mittellosen Neulingen treffen, ist sie in ihrer Ehe alles andere als glücklich.

Spannend, voller Emotionen und neuen Ideen verläuft ihr Leben weiter, besonders, nachdem sie sich in den Dichter Richard Dehmel verliebt. Nun, mehr soll hier nicht verraten werden. Nur noch eins: Ida spielt die entscheidende Rolle bei der Gründung der GEDOK (Gesellschaft für deutsche und österreichische Künstlerinnen), jener Künstlerinnenvereinigung, die 1927 aus dem Bund Hamburgischer Künstlerinnen hervorgeht und deren erste Vorsitzende sie wird, bis die Nazis sie 1933 absetzen. Dann brechen dunkle Zeiten an.

Therese Chromik möchte "mit dem Lebensbild der Ida Dehmel einen Beitrag zur Reflexion über die Rolle der Frau leisten und zugleich anregen, über die Wertschätzung und Notwendigkeit von Lyrik in der Gesellschaft zu reflektieren". Das ist ihr zweifelsohne gelungen. Sowohl die widersprüchlichen Richtungen des Zeitgeistes ihrer Epoche, als auch der ganz individuelle psychologische Hintergrund der geschilderten Dichterpersönlichkeiten macht die Entstehung der Lyrik ihrer Zeit für ihre Leser nachvollziehbar. Ein wertvoller Beitrag zur Literaturgeschichte, der sich zudem wie ein spannender Roman liest.

Erschienen 2015 in Husum, Husum Druck- und Verlagsgesellschaft

Andrea Claussen

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