Was bedeutet Religion für die Menschheit?

Gedanken über den Spiegelartikel "Die Erfinder Gottes"

Göbekli Tepe Foto: Wikipedia/TeomancimitUnter dem Aufmacher "Warum glaubt der Mensch .... und warum zweifelt er?“ erschien der Leitartikel des letzten Spiegels in 2012. Spannend. Aufhänger: Archäologen haben in der Türkei eine noch viel, viel ältere Kultstätte entdeckt als die Pyramiden oder Stonehenge. Nicht 4 oder 5000 Jahre alt, nein, stolze 11000 Jahre haben die ehemals 200 riesigen sechs Meter hohen in 20 Kreisen angeordneten behauenen Steinsäulen von Göbekli Tepe am Taurusgebirge auf dem Buckel. Damals gab es nur Jäger und Sammler, keine Sesshaften und erst recht keine Staatsformen.

"Der Glaube versetzt Berge", anders lässt sich das Wunderwerk nicht erklären. Wie haben sich genügend Nomaden organisieren können, um bis zu 20 Tonnen schwere Steinsäulen abzuspalten, zu behauen und zu transportieren? Woher hatten ihre Steinmetze die Übung, solch feine Reliefs herzustellen? Nicht-Sesshafte? Und besiedelt wurde die Kultstätte nicht. Es gibt nur Spuren von riesigen   Fress- und Saufgelagen, sogar ein frühes Bier aus Wildgetreide wurde nachgewiesen. Das hört sich alles wundersam an und wirft sicherlich viele Fragen auf, aber gehen wir einmal davon aus, dass die Datierung stimmt, so beweist der Wunderbau, der zweifelsohne nur eine Kultstätte gewesen sein kann, dass Religion vor einem Staatswesen existierte. Unter Religion verstehe man den Glauben an übernatürliche Wesen oder Mächte, die sowohl in das Schicksal des Menschen eingreifen oder es sogar vorherbestimmen, als auch darüber bestimmen, was nach seinem Tode mit ihm passieren wird. Damit untrennbar verbunden sind die Menschen, die die Verbindung zwischen "Göttern/Gott" und den Menschen herstellen. Die Aufgabe der Priester ist es, den Willen der Götter kundzutun, daraus folgt das Entstehen von Regeln, Tabus und Riten, die das Leben der Menschen gliedern und ihm einen Sinn geben. Sie helfen über Schicksalsschläge hinweg, geben Sicherheit, verhindern das Ausufern von Kriminalität und vor allem lassen sie auf eine Art von Überwindung des Todes hoffen. Keine Religion existiert ohne ein Antwortmodell auf das Ende, das alle Menschen erwartet, den Tod, vor dem alle gleich sind.

Da dem Menschen bewusst war und ist, wie kurz das Leben im Vergleich zum Totsein ist, ist er bereit, jedes Opfer zu bringen, um nicht einfach nur von der Bildfläche zu verschwinden oder, schlimmer noch, in höllischen Abgründen zu verschwinden und ewig zu schmachten.

Die daraus erwachsene Bereitschaft, sich unterzuordnen, zu gehorchen, zu schuften und zu leiden hat über die Jahrtausende wahre Wunderwerke hervorgebracht, auf die die Menschheit nur ungerne verzichten möchte. Und vielleicht haben sich seinerzeit wenigstens die daran ergötzen können, die nicht als Sklaven, sondern aus Überzeugung daran mitgearbeitet haben. Die Zeugnisse ihrer Arbeit haben ihnen doch eine gewisse Unsterblichkeit verliehen, während die Vorstellungen, die sie von ihren Göttern hatten, für uns eher unbedeutend sind.

Je stärker und strenger die Religion, so der Spiegel, desto höher die Geburtenrate. Welch Wunder. Frauen, die nicht arbeiten gehen dürfen und außerhalb des Hauses immer an ihren Männern kleben müssen und nur reden dürfen, wenn sie gefragt werden, schaffen sich automatisch eine kleine Welt zuhause, deren Bevölkerung und Verwaltung in ihren Händen liegt. Bei den internationalen Kommunikationsmitteln ist es aber nur eine Frage der Zeit, wie lange sie sich das bieten lassen werden. Auch, wenn man sie ungebildet hält, werden sie deshalb nicht total verblöden. Ich empfehle hierzu die Lektüre von Khaled Hosseinis "Tausend strahlende Sonnen".

Mitte des Neunzehnten Jahrhunderts prägte Karl Marx das Bonmot: "Religion ist Opium fürs Volk". D.h.: Halluzinationen, schöne Träume, Abhängigkeit, Linderung großer Schmerzen. Vergessen hat er den Trost, die Hoffnung, die Bereitschaft, Gebote einzuhalten. Ersetzt wurde die Religion nach der Oktoberrevolution durch den Glauben an die Kommunistische Partei und die götzenähnliche Verehrung ihrer geistigen und politischen Führer. Wieder wurden Opfer und übermenschliche Kraftanstrengungen verlangt, um der Sache willen. Wieder profitierten nur die Mächtigen. Noch größer der Verrat: Es blieb die Angst um das Seelenheil, zumindest blieb die Frage danach tabu. Unendliche Verbrechen gegen die Freiheit und die Menschlichkeit wurden z.B. unter Stalin, aber auch unter dem einst so heiß verehrten ersten Vorsitzenden Mao begangen. Und gläubig musste das Volk die Augen senken, wenn es nicht selbst dran sein wollte. Das finstere Mittelalter ist an so vielen Stellen der Erde nicht überwunden.

Aber es ist schwer, und das besonders in größeren Gesellschaften, das Leben der Menschen allein durch Erziehung und Staatsgewalt menschenwürdig zu organisieren. Die Sinngebung muss klar sein. Soziale und äußere Sicherheit gegeben sein. Aber der Clou, der (liebe) Gott, der alles sieht, was du tust, und dich dafür irgendwann mit Sicherheit zur Rechenschaft zieht, ist als innere Kontrollinstanz bloß durch das Gewissen bei der Mehrheit wohl nicht zu ersetzen.

Andrea Claussen  

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