Zoten sind nicht witzig

© Wolfgang ClaussenFür manche Menschen sind Zoten einfach nur die Steigerung ihres Witzes und geben sie nur dann zum Besten, wenn sie – meist durch den Genuss alkoholischer Getränke – enthemmt sind.

Das sagt nun schon einiges über diese Witze aus, nämlich, dass man sich im Normalzustand eigentlich schämt, so etwas zu sagen. Auf irgendeine Weise – ob sexistisch oder fäkalistisch – ist jede Zote eben unanständig. Das macht sie aus. Und zur „guten Kinderstube“ gehört es, so etwas „nicht in den Mund zu nehmen“.

Aber: Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Verbotenes hat seinen Reiz. Folglich ist derjenige (vermeintlich) interessant, der mit diesen Soft-Tabus bricht.

Und diese Meinung ist unterschwellig in der Männerwelt weit verbreitet. –

Was aber nicht allgemein zugegeben wird. Jeder will schließlich auch eine gute Erziehung genossen haben.

Woher also dieser Widerspruch?

Möglicherweise reicht er bis ins Mittelalter zurück: Der Jungritter musste seine höfische und ethische Erziehung verfeinern, in dem er sich der Obhut einer verheirateten hôhen frouwe unterwarf. Das Prinzip minne. Diese musste ihn dann projekt- und praxisorientiert erziehen, in dem sie ihn auf aventiure schickte, um seine ritterlichen Tugenden umzusetzen. Als da wäre milte, in dem er Witwen und Waisen schützte und seinen Mantel mit Bettlern teilte. Oder triuwe, in dem er nur die schoene und êre seiner Herrin pries und notfalls mit dem Schwert verteidigte. Dafür durfte er bei Turnieren mit einem huldvollen Lächeln rechnen und ihren Ärmel an seinen Schild heften.

Selbstverständlich gehörte es dazu, sich, wenn Damen anwesend waren, anständig auszudrücken, eben hövesch (höflich) zu sein.

Daraus entwickelte sich, da der Mensch schließlich „auch“ triebgesteuert ist, logischerweise analog das Gegenteil: Aus Zucht wurde Unzucht, bei den meisten zum Glück nur verbal. Und diese konnte ohne Gesichts- und Statusverlust nur in reiner Männergesellschaft ausgelebt werden. Ein Mann der höheren Schichten hatte folglich zwei „Gesichter“ und suchte Gelegenheiten, wo er mit Gleichgesinnten unter sich sein konnte, um sich gehen lassen zu dürfen.

Erschwerend kam hinzu, dass der Mann erfahren und die Frau unberührt in die Ehe zu treten hatten. Damit waren Prostitution und/oder Verführung gesellschaftlich tiefer stehender, bzw. sozial oder finanziell abhängiger Frauen über Jahrhunderte vorprogrammiert.

Durch die Hexenverfolgung wurde das geheime Wissen der Frau über Verhütung/ggf. auch Schwangerschaftsabbruch ausgemerzt und den Verführten und Missbrauchten blieb nur ein Leben in Schande.

Wozu aber das Unschuldsgebot? Ganz einfach. Schon die Römer sagten: „Mater semper certa est.“ (Wer die Mutter ist, ist immer sicher) Aber um bei den im Patriarchat herrschenden Erbschaftsgesetzen sicher zu gehen, dass kein Kuckuck im Nest war,  musste die Frau unberührt heiraten.

Nicht anders bei den Handwerkern und freien Bauern, nur dass hier das „feine Getue“ nicht üblich war und man recht drastisch zur Sprache brachte, was einem in den Sinn kam. Man denke an die spätmittelalterlichen Bauernschwänke, Chaussers „Canterbury Tales“ oder, aus der Frührenaissance, Boccaccios  „Decamerone“. Die beiden letzteren geben Geschichten wieder, welche sich die Pilger auf ihrer Reise bzw. Pestflüchtlinge aus Florenz zum Zeitvertreib gegenseitig erzählen. Da können selbst einem aufgeklärten Hörer/Leser die Ohren ab bzw. die Augen aus dem Kopf fallen.

Andererseits müssen sich selbst heute noch gewisse (Vor-) Urteile gehalten haben, indem Wörter wie bäurisch oder Bauerntrampel synonym für ungehobelt, tölpelhaft oder schlecht erzogen gelten. Die Handwerkerschaft entwickelte sich mit dem aufkommenden Bürgertum zum Mittelstand, aus der Kaufmannschaft wurden Banker und Großunternehmer, die Patrizier hielten die Macht in den Städten, wollten feine Leute sein und übernahmen einiges vom Adel.

Die Rolle der Kirche als Sittenhüterin war hierbei erheblich und reichte unter ständiger Abschwächung bis ins 20. Jahrhundert. Die streckenweise negative Vorbildfunktion z.B. in der Frührenaissance brachte in dieser Hinsicht verhältnismäßig wenig zum Bröckeln.

Anders die Kriege, besonders jene, in denen die Zivilbevölkerung extrem leiden musste, wie der 30jährige Krieg: Hier nahm die Verrohung der Soldaten bisher unbekannte Ausmaße an, da die ohne Disziplin und Moral umherziehenden Söldnertruppen sich „vom Land“ ernähren mussten. Die deutsche Bevölkerung wurde um zwei Drittel dezimiert. Das sagt alles. Aber in Situationen, die im großen Stil von Gewalt beherrscht werden, in kriegerischen Auseinandersetzungen und Revolutionen, kommt es immer wieder zu Verrohung, zu groben, triebgesteuerten Übergriffen auf das andere Geschlecht. Bekannt sind die Vergewaltigungen bis hin in unser Jahrzehnt. Letzte Woche hörte man in den Nachrichten auch wieder von Totenschändungen. Das sind Dinge, die Menschen nur unter großem seelischen Stress vollbringen. Die sie oft nachher selbst nicht wahrhaben wollen. Auch Frauen haben während der Revolution ebenso blutige Rache geübt (Zola, „Germinal“) oder im Blutrausch Taten begangen, die ihnen – aufgrund der Rollenerwartung – niemand zugetraut hätte. Beispiele lassen sich sowohl in der Bibel, als auch in der griechischen Mythologie finden.

Mit der Industriellen Revolution und der damit einhergehenden Landflucht entstand in den explodierenden Städten eine neue Schicht: das Proletariat. Ungebildet unterernährt und in ständigem Kampf ums Überleben auf engstem Wohnraum war da kein Verständnis für feine Sitten zu erwarten.  Jedenfalls wurde das weitgehend als Luxus bezeichnet und dieser Zustand dauerte, bis Ende des 19. Jahrhunderts endlich die ersten sozialen und legislativen Maßnahmen griffen, die zum großen Teil durch die beginnende politische Organisation der arbeitenden Klasse in Gewerkschaften, Sport- und Bildungsvereinen in Gang gesetzt wurde.

Besonders in England, aber abgeschwächt auch auf dem Kontinent, ließ sich an der Sprache die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht erkennen. Im Zotenreißen im „geschützten Raum“ der Stammkneipe konnten da gegebenenfalls gesellschaftliche Schranken abgebaut werden. Ein Element, das sich auch immer wieder in Situationen findet, wo sich „fremde Elemente“ – evtl. aus politischen Gründen – beim einfachen Volk einschmeicheln wollen.

Das funktioniert auch sehr gut auf der kommerziellen Ebene: Massenmedienfähig sind Zoten schon längst, z.B. im Deutschen Fernsehen, wo Showmaster wie Stefan Raab oder Harald Schmidt sich nicht zu schade sind .... Nachdem der Schockeffekt verpufft ist, bleibt nur noch peinliche Betretenheit.

Noch einmal zurück zur Rolle der Frau: Um 1900 setzte erstmals eine öffentliche Gegenbewegung gegen die hergebrachten Keuschheitsgebote für Frauen ein, u.a. hervorgerufen durch Siegmund Freuds Psychoanalyse/Trieblehre, die sich, verstärkt durch das Desaster des 1. Weltkrieges, in den „wilden 20ern“ äußerte und dann erst wieder in der „sexuellen Revolution“ der 60er Jahre. Nie wäre diese soweit gekommen ohne die Pille. Endlich war die Frau frei, ohne von der Schande eines ungewollten, unehelichen Kindes gebrandmarkt zu werden.

Aber mit der Freiheit wurde auch die Zunge lose ... und sie wird immer loser. Trotzdem ist es so, dass Männer, die Zoten von Gleichgeschlechtlichen gutmütig schmunzelnd hinnehmen, dieselben aus Frauenmund als extrem abstoßend empfinden. Steckt da der enttäuschte Jungritter noch in ihnen? Was bleibt uns zu tun? Entweder reißen sich alle etwas mehr zusammen, oder keiner!

Andrea Claussen

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