Fremde brauchen Freunde

Benefizkonzert im Husumer Speicher

Anders sein„Wir hatten bis zu 50 Mitstreiter aus allen möglichen Gruppen und Parteien bis auf die CDU“, sagt Ulli Rode von der Initiative ‚Fremde brauchen Freunde’, „die Zahlen haben sich stark reduziert. Regelmäßig sind nur noch wenige aktiv. Wir haben bei besonderen Aktionen aber noch viele Unterstützer.“

1992: rassistische Übergriffe auf Ausländer in Mölln, Solingen und Rostock-Lichtenhagen. Häuser werden angezündet, 17 Menschen finden den Tod. Zehntausende demonstrieren gegen Fremdenhass und Rassismus, Musiker schließen sich mit „Rock gegen Rechts“ zusammen. Die Politik erweist sich als zahnloser Tiger, stellenweise hat der rechte Mob tagelang die Oberhand, die Polizei schaut zu.

1992 entsteht deshalb in Nordfriesland auch die Initiative „Fremde brauchen Freunde“. Man hilft bei Behördengängen, beim Einkauf, versucht Ausweisungen zu verhindern, organisiert Fortbildungsmöglichkeiten und Veranstaltungen, z.B. das Fest aller Kulturen und die jährliche Weihnachtsfeier als Fest der Begegnung.

In Nordfriesland leben Menschen aus 130 Nationen, ca. 6.000 haben einen ausländischen Pass. „Wichtig ist die Asyl-Frauengruppe Hattstedt“, sagt Rode, „hier haben ausländische Frauen die Möglichkeit, sich in einem geschützten Raum auszutauschen.“

Monadreen spielt irischen FolkUnd gestern also das Benefizkonzert im Husumer Speicher: Zum zehnten Mal spielt die Rockband „B5“ hier für den guten Zweck, außerdem feiert sie ihr 25-jähriges Bühnenjubiläum und bringt den Husumer Speicher zum Beben. Vor gut 100 Zuhörern eröffnet Monadreen den Abend mit Folkmusik. Freunde sind viele zur Veranstaltung gekommen, Fremde sind kaum darunter.

Woran mag das liegen? Mit der kulturellen Integration ist es eben noch nicht so weit her. Kultur ist Heimat. Dazu gehören Sprache, Religion, Sitten und Traditionen. Auch wenn schon viele Kinder mit Migrationshintergrund hier geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen sind, so bleiben sie doch gern unter sich. Von Ausnahmen abgesehen. Und zudem ist das Ganze natürlich wie bei Deutschen auch, eine Frage des Bildungshintergrundes. Toleranz und Offenheit für Andersartiges, die Neugier auf das Denken anderer Menschen, das Interesse und der Wille, sie zu verstehen, setzen die Bereitschaft zu vorurteilsfreiem Denken voraus.

Ulli Rode: Von Recht und Pflicht....So ist es auch mit der Bereitschaft, die Sprache des „Gast-Landes“ zu erlernen. „Von Recht und Pflicht spricht ein schwedischer Freund immer“, so Ulli Rode. „Dem Recht darauf, die Sprache zu erlernen, d.h., auch die Möglichkeit dazu zu bekommen, und der Pflicht, diese Möglichkeit auch wahrzunehmen.“ Sprachentwicklung ist immer auch Entwicklung des Denkens. Unsere Sprache verzeichnet zurzeit einen merklichen Niedergang - in der Schule kämpfen die Deutschlehrer längst nicht mehr um den Genitiv, sondern um den Gebrauch der Artikel! Damit einher geht eine „Maulfaulheit“, die differenzierte Aussagen -und die diesen vorangehenden Gedankengänge- schier unmöglich erscheinen lässt.

Das ist eine Entwicklung, deren Ursachen hier nicht dargelegt werden sollen.

Viele Freunde sind zum Benefizkonzert gekommenWer bei uns leben will, der hat unsere gewachsene Kultur zu akzeptieren! Wohl wahr. Wir tun das ja auch - im Urlaub. Gott sei Dank müssen wir weder aus politischen Gründen, noch aus wirtschaftlicher oder religiöser Not fliehen. Das ist jetzt an die 70 Jahre her und betraf ja den braven Durchschnittsbürger nicht. Nun deshalb ein Gedankenexperiment:

Man stelle sich vor, eine westeuropäische Dorfgemeinschaft nebst Pastor aus dem 18. oder frühen 19. Jahrhundert würde in unsere Zeit geworfen werden. Würde er nicht auch versuchen seine Familie und seine Schäfchen vor den dekadenten und sittenlosen Bräuchen zu bewahren? Vor Unzucht, Verlust der Familienbande, Gottlosigkeit, Aufmüpfigkeit der Weiber und Respektlosigkeit der Jungen vor dem Alter? Und vor dem alles regierenden Mammon?

Ohne entsprechende Kommunikation lassen sich die echten Errungenschaften unserer Gesellschaft nicht transportieren. Wir haben Schritte wie die Reformation, die Aufklärung, die Gewerkschaftsbewegung, die Frauenemanzipation auch nicht in 50 Jahren gemacht. Was einstmals hart erkämpft werden musste, wird allzu schnell für selbstverständlich genommen, kann aber von Menschen aus anderen Kulturkreisen nicht so einfach nachvollzogen und deshalb auch nicht übernommen werden.

Leitkultur kann nicht heißen: Friss Vogel oder stirb. Es kann nicht heißen, ihr dürft herkommen, müsst aber so werden, wie wir sind.

Nietsche schreibt: Man verdirbt einen Jüngling am sichersten, wenn man ihn anleitet, den Gleichdenkenden höher zu achten, als den Andersdenkenden.

Andrea und Wolfgang Claussen

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